Bauern der Meere

Heilbutt, Kabeljau und Tunfisch sollen künftig in Aquafarmen auf offener See gedeihen. So wollen Meeresbiologen das Plündern der Ozeane aufhalten.

B islang unterschied den Heilbutt von dem Hereford-Rind, dass er in Freiheit leben konnte, ehe der Mensch ihn verspeiste. Mit diesem Privileg hat Michael Chambers nun Schluss gemacht. Die 100 Exemplare des delikaten Raubfisches, die der Meeresbiologe vergangene Woche in Styroporkisten zum Fischmarkt nach Boston transportierte, stammten allesamt von einer Farm.

Das ist durchaus ungewöhnlich. Denn der Heilbutt gedeiht schlecht in den Aquafarmen, wie sie etwa zu Hunderten in norwegischen Fjorden zu finden sind. Chambers' Fische wuchsen vielmehr in einem Gehege 15 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats New Hampshire auf - im offenen Ozean. "Das Ganze ist ein Experiment", sagt Chambers, 40.

Bedarf besteht, daran gibt es wenig Zweifel. Schon seit Jahren stagnieren die Fänge der Meeresfischer, der ins Netz gehende Kabeljau wird im Durchschnitt immer kleiner. "Vielleicht", meint Chambers, "werden die Fischer bald so etwas wie Bauern der Meere. Sie fahren zur See und schauen in den Käfigen nach dem Rechten."

Bisher galt das offene Meer als ungeeignet für Aquafarmen. Kein noch so robustes Bassin, so nahm man an, könne den Stürmen standhalten. Viele Fischarten schieden deshalb als Nutztiere aus: Sie mögen die stillen Küstengewässer nicht.

Nun aber reift eine neue Generation hochseetauglicher Gehege heran. "Das wird die Fischerei revolutionieren", glaubt Chambers. Gemeinsam mit einem Hersteller von Netzgehegen hat er einen gewaltigen Käfig von 25 Meter Durchmesser konstruiert. Eine mächtige Röhre als Mittelachse spannt das Maschenwerk auf. Darin wimmeln mehrere tausend silbrig blinkende Fische, die vom Wasser des offenen Ozeans umströmt werden.

Das gesamte Behältnis lässt sich mit Hilfe von Ballasttanks absenken. "Bis in eine Tiefe von rund 20 Metern, wo ihm selbst die schweren Winterstürme nichts anhaben können", erklärt Chambers.

Nur eine gelbe Boje warnt herannahende Schiffe vor der unsichtbaren Fischfarm unter der Wasseroberfläche. Sie hat genug Volumen, um große Mengen Nahrung fassen zu können, die über Schläuche nach unten in den Käfig gepumpt werden.

Künftig wird die Boje eine Funkverbindung zwischen den Untersee-Stallungen und dem Institut von Chambers an der University of New Hampshire aufbauen. Dann braucht er - zumindest theoretisch - nur alle paar Wochen zum Einfahren der Ernte hinauszufahren. Das Füttern erledigt er am Computer. Werden die knorrigen Fischer von Portsmouth in Zukunft also per Mausklick auf Fang gehen?

Sie könnten bald keine andere Wahl haben. Seit langem schon sind die Meere überfischt. 28 Prozent der wirtschaftlich bedeutsamsten Bestände weltweit gelten als geplündert, weitere 47 Prozent sind an der Grenze nachhaltigen Befischens, so die Welternährungsorganisation FAO.

Der Bedarf an Fischprotein indes steigt. Schon in den letzten 30 Jahren hat sich der Verbrauch verdoppelt. Bis 2020 wird der Ertrag noch einmal um die Hälfte wachsen müssen, wenn der Hunger von mehr als siebeneinhalb Milliarden Menschen gedeckt werden soll.

Längst sind es nur noch die Aquafarmen, die für Wachstum sorgen (siehe Grafik). Doch die sind ökologisch umstritten. Wichtiger noch: "Es gibt kaum Platz für neue Anlagen", erklärt Volker Hilge von der Bundesforschungsanstalt für Fischerei, "sie sind gegen die Interessen des Tourismus und der Schifffahrt nicht mehr durchsetzbar."

Deshalb drängen die Fischfarmer nun auf die hohe See. Eine ganze Fülle von Ideen haben sie bereits ausgebrütet:

  • Der spanische Schiffbauer Izar hat in Kooperation mit einem Aquafarm-Unternehmen ein fast 190 Meter langes Schiff ersonnen, aus dessen Rumpf sich ein riesiger Käfig für Tunfische ins Meer absenken lässt. Der kühne Plan: In den Laichgebieten sollen 400 Tonnen Fische in das Untersee-Gehege gepfercht werden und neun Monate bis nach Japan schippern. Der eingesperrte Schwarm würde auf bis zu 1200 Tonnen anwachsen - eine fette Beute. Denn für frischen Tunfisch zahlen Japaner mittlerweile Rekordsummen.

  • Seit einigen Jahrzehnten schon versuchen asiatische Züchter, Jungfische in Bassins zu dressieren: Nach einem bestimmten Ton oder einem hellen Licht füttern sie die Tiere. Auf diese Weise konditioniert, entlassen sie die Fische in die Freiheit. Das Signal lockt sie stets wieder zur Futterquelle - bis dort eines Tages ein Netz auf sie wartet.

  • Mit reichlich Forschungsgeldern der US-Regierung ausgestattet, sitzt Fischerei-Ingenieur Cliff Goudey vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) an der Entwicklung des so genannten Ocean Drifter. Dieser gigantische Unterwasserkäfig ähnelt Chambers' Gehegen, doch anders als diese soll er nicht am Meeresboden verankert sein. Der Drifter würde nahe Florida mit Königsbarschen, schnell wachsenden Fischen, gefüllt. Mit dem Golfstrom soll er dann nach Europa treiben.

Solche Visionen scheinen Fischereiexperte Hilge allerdings "noch viel zu vage", zumal zuerst die erheblichen seerechtlichen Probleme unbemannter Brutstationen ausgeräumt werden müssten. Realistisch seien derzeit einzig die Käfige, wie Chambers sie beforscht.

Die ersten Ergebnisse jedenfalls ermutigen: Fische auf hoher See scheinen besser zu gedeihen als Artgenossen, die in Netzställen an der Küste gehalten werden. "Die natürliche Umgebung bekommt ihnen wohl besser", meint Chambers. Regelmäßig analysieren seine Forschungstaucher das Verhalten der Fische. "Sie schwimmen im gesamten Käfig, futtern das meiste der angebotenen Nahrung auf und wachsen zügig", berichtet der Meereskundler.

Gemessen wird aber auch, wie Fäkalien und Essensreste auf das heikle Ökosystem des Ozeans wirken. Proben, die unterhalb des Netzes genommen wurden, haben bislang keine nennenswerte Belastung gezeigt. "Auf offener See herrscht einfach mehr Wasserumsatz als im Küstengewässer", so Chambers. Langfristig schwebt ihm eine Symbiose vor: Er möchte Miesmuscheln unter den Käfigen ansiedeln. Versuche haben gezeigt, dass diese mit den Nährstoffen aus der Fischfarm prächtig wachsen. "Sie filtern die Schwebstoffe aus dem Wasser", sagt der Meeresbiologe.

Die US-Regierung drängt auf eine zügige Umweltbewertung der Offshore-Aquakulturen. Die Vereinigten Staaten importieren für mehrere Milliarden Dollar jährlich Meeresgetier. Hochsee-Farmen, etwa im Golf von Mexiko, sollen helfen, die negative Handelsbilanz auszugleichen.

MIT-Ingenieur Goudey zufolge steht sogar noch weit mehr auf dem Spiel: Während des steinzeitlichen Wandels vom Jäger zum Viehzüchter seien Jahrtausende vergangen. So viel Zeit könne der Mensch nicht noch einmal vertrödeln. "Der Übergang zur Hochsee-Fischzucht muss binnen Jahrzehnten gelingen. Ansonsten, so fürchte ich, werden wir die Meere zerstört haben."

GERALD TRAUFETTER

DER SPIEGEL 23/2004 - 29. Mai 2004

Link : http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,302217,00.html

 

 

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