Schonendes Whale Watching
Die Qual der Wale

Von Torsten Engelbrecht

30. Mai 2004 Tausende Buckelwale legen Jahr für Jahr 18000 Kilometer zurück von Grönland vorbei an Island und Neufundland und entlang der Ostküste der Vereinigten Staaten, um schließlich zwischen Dezember und März in den warmen Karibik-Gewässern nahe der Dominikanischen Republik zu kalben und um sich dort zu paaren. Dabei werben die bis zu 15 Meter langen und 50 Tonnen schweren männlichen Wale nahe der Oberfläche um die Gunst der Weibchen, indem sie tatsächlich Luftsprünge machen oder ihre Konkurrenten mit ihren weißen Brustflossen schlagen, den sogenannten Flippern, die fünf Meter lang sein können. Während der Balzrituale stimmen die schwarzblau glänzenden Rivalen brüllend ihre Liebesgesänge an, die nicht selten eine Stunde währen - Rekord im Reich der Meeressäuger. Ein Naturschauspiel, das nur in der ostaustralischen Hervey-Bucht, in der sich ein Großteil der verbliebenen 5000 Buckelwale der Südhalbkugel, von der Antarktis herkommend, versammeln, sein Pendant findet.

Gehetzt und umkreist

So ist das Beobachten von Meeressäugetieren ein Traum vieler Menschen - und hat sich zu einem der lukrativsten Zweige der weltweiten Tourismusbranche entwickelt mit einer Wachstumsrate von zwölf Prozent pro Jahr. Island und Taiwan verzeichnen sogar Steigerungsraten von 250 Prozent. Vorsichtigen Schätzungen zufolge soll es inzwischen mehr als zwölf Millionen Whale Watcher geben.

"Doch um spektakuläre Sichtungen zu gewährleisten, werden die Wale oft gehetzt und umkreist", kritisiert Silvia Frey, Walexpertin bei der Arbeitsgruppe zum Schutz der Meeressäuger Schweiz (ASMS), die in ihrem Bericht "Whale Watching - aber mit Vorsicht und Rücksicht" zum ersten Mal in deutscher Sprache die Vorteile und Schattenseiten touristischer Walbeobachtung ausführlich beschreibt. "Wenigen Touristen ist bewußt, daß die Tiere so bei lebenswichtigen Aktivitäten wie Fressen, Ruhen, Paarung oder Jungtieraufzucht gestört und nicht selten auch verletzt werden." Zumal die Meeressäuger ohnehin schon unter der Verschmutzung der Meere, Hochseefischerei oder Unterwasserlärm (Schiffe, Ölplattformen, U-Boot-Aufspürsonare) stark leiden. Experten fordern daher einheitliche Richtlinien für schonendes Whale Watching, variieren die Angebote bezüglich ihrer Inhalte und Standards doch beträchtlich.

Teneriffa steht in der Kritik

Stark in der Kritik steht etwa Teneriffa, einer der wenigen Plätze der Welt, wo man fast das ganze Jahr Wale beobachten kann. "26 der weltweit 86 Walarten gibt es in den Gewässern der größten Kanaren-Insel, so viel wie kaum anderswo, darunter Pottwale und - auf der Welt fast einmalig - ortstreue Pilotwale", so Nicolas Entrup von der Whale and Dolphin Conservation Society (WDCS). Jahr für Jahr nehmen eine Million Touristen an Walbeobachtungstouren teil, so viele wie nur in den Vereinigten Staaten und Kanada, wo sich der Touristenstrom jedoch auf eine unvergleichlich größere Region verteilt. Auf Teneriffa dagegen steuern täglich bis zu siebzig Boote, teilweise beschallt mit lauter Musik und vollbepackt mit mehreren hundert Passagieren und reichlich Sangria, ein und dieselbe recht überschaubare Zone an. "Das direkte Hineinfahren in die Walfamilien ist dabei keine Seltenheit", sagt Entrup. Experten zufolge gibt es bereits deutliche Anzeichen für einen Rückgang der Population. Viele Wale, heißt es, könnten in einigen Jahren vor Teneriffa nicht mehr anzutreffen sein.

Nahe der Nachbarinsel Gomera, die vom Massentourismus noch nicht plattgewalzt ist, gibt es genauso viele Walarten wie vor Teneriffa, doch will man auf dem zweitkleinsten Kanaren-Eiland von Anfang an schonendes Whale Watching etablieren. So betreibt der gemeinnützige Verein M.E.E.R. auf Gomera ein Modellprojekt zur Kooperation zwischen Reiseunternehmen und Schutzorganisationen. Die Whale-Watching-Touren erfüllen wichtige Anforderungen an schonendes Whale Watching, denn sie sind mit solider Aufklärungsarbeit, wissenschaftlichen Studien und fachlich fundierten Studienreisen verknüpft. Dieses Modellprojekt wurde mit der internationalen Umweltauszeichnung "Tourismus und Umwelt 2001" geehrt, die seit 1987 vom Deutschen Reisebüro- und Reiseveranstalter Verband (DRV) vergeben wird.

Die besten und schonendsten Reviere

Teneriffa-Urlauber können per Fähre nach Gomera übersetzen. Doch sollten nicht die neunzig Meter langen Schnellfähren gewählt werden, die mit achtzig Stundenkilometern von Insel zu Insel teils mitten durch Walgebiete fegen. "Wie überall auf der Welt können Wale diese Raser oft nicht schnell genug erkennen, weshalb es immer wieder zu Kollisionen kommt", so Fabian Ritter, Vorsitzender von M.E.E.R.

Unterdessen gibt es bereits an einigen Orten der Welt Veranstalter, die schonendes Whale Watching anbieten. Etwa auf Island, wo zwischen Juni und August nahe der Halbinsel Snaefelsnes Blauwale zu bestaunen sind. Bis zu zwölf Meter in die Höhe reicht der Blas, die Wasserfontäne dieses mit bis zu 33 Metern Länge wohl größten Tieres der Erde. Sichtwahrscheinlichkeit: 85 Prozent. Während man in Nordnorwegen zur gleichen Zeit, jedoch sogar mit 99prozentiger Wahrscheinlichkeit, Pottwale zu Gesicht bekommt. Genauso sicher, jedoch zwischen Oktober und Januar, ist die Sichtung ganzer Schulen schwarz-weiß-glänzender Schwertwale. Auf den Azoren können Walbeobachterfans von den Vigias aus, den ehemaligen Aussichtstürmen der Walfänger, neben Pottwalen auch den zweitgrößten aller Meeressäuger, den Finnwal, erspähen. Genau wie den schnellsten Schwimmer unter den Großwalen, den Seiwal, der kurzfristig 55 Stundenkilometer erreicht. Und wer Grönlandwale, die mit einem Alter von mehr als 200 Jahren zu den langlebigsten Tieren gehören und doch die gefährdetsten aller Wale sind, sehen möchte, kann dies auf schonende Art etwa nahe Igloolik, Kanadas ältester Arktis-Gemeinde, tun.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.05.2004, Nr. 22 / Seite V2
Bildmaterial: Tourism Queensland

 

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