Keine Gnade für Hummer !

Die lebenden Toten 

Michaela Simon   27.03.2004

Einige Hummer aus Connecticut sollen sich angeblich in die Riga der 
lebenden Toten [1] eingereiht haben. 

" Kryonik [2] für Krustentiere" nennt SFGate [3] das merkwürdige 
Phänomen in seinem Bericht. Demzufolge verkauft die Firma Trufresh [4] 
ihre tiefgefrorenen Hummer neuerdings nur noch mit Klebeband an den 
Scheren - um die Konsumenten vor einem möglichen Angriff des leckeren 
Kiemenatmers zu schützen. Denn einige sollen den Prozess des 
Einfrierens auf wundersame Weise überleben. Nachdem sie bei minus 40 
Grad in Salzlake gefrostet worden waren, sollen sie beim Auftauen 
wieder erwacht sein aus ihrem Hummer-Schlummer. 

Angeblich geht das Einfrieren so schnell, dass der Schaden, den die 
Eiskristalle den Muskeln zufügen, minimal ist. Auf der International 
Boston Seafood Show [5] soll die Trufresh-Bande ein Video vorgeführt 
haben, welches zwei untote Hummer zeigt, die sich in einem Bassin 
tummeln. Der Stoffwechsel des Zehnfüßers war vorher in fast gefrorenem 
Seewasser verlangsamt worden. Dann kam er für ein paar Minuten in die 
Eishölle - um nach zweieinhalb Stunden in warmem Wasser wieder munter 
zu werden. Ein verblüffender Trick, den allerdings nur etwa zwölf von 
200 Tieren zu beherrschen scheinen. Die Firma Trufresh freut sich 
einstweilen wie ein Gefrierkönig und sucht nach Partnern, um den 
gelungenen PR-Gag zu kommerzialisieren. Der tiefgefrorene (und 
filettierte) Trufresh-Lachs hat übrigens diese besonderen Eigenschaften 
nicht. 

Während Bild schon den "ersten Schritt in die Unsterblichkeit" wittert, 
äußerte ein Wissenschaftler ausgesucht höflich: "Ich bin eher 
skeptisch, ob es gelingen kann, einen Hummer wieder zum Leben zu 
erwecken. Aber wenn man ihn mir zeigt, werde ich ihn mir auch ansehen." 
Das glaubt man sofort, denn das Schalentier, dem man beim Essen am 
besten mit der Kombizange zu Leibe rückt, ist nicht nur in 
Feinschmeckerkreisen, sondern auch in Forscherrunden sehr beliebt. 
Ähnlich wie die nicht ganz so leckeren Fruchtfliegen tun Hummer nämlich 
- außer herumspuken - die merkwürdigsten Dinge: Die Zehnfüßer "reden" 
mit der Blase, das heißt sie signalisieren mit ihrem Urin, welche 
Stellung in der Dominanzhierarchie sie innehaben, ihre Geruchsantennen 
sind Vorbilder beim Bau von Robotern und wenn sie mit den fleischigen 
Enden ihrer Tentakel an der harten Schale kratzen, entsteht derselbe 
Reibungsmechanismus, der auch in einer Geige Vibrationen hervorruft - 
mit dem Unterschied, dass ein Hummerorchester kratzende, krächzende und 
ächzende Geräusche hervorbringt. Unerschrockene Wissenschaftler haben 
es mit dem Unterwassermikrofon mitgeschnitten. Ihren Zweck erfüllt die 
Hummervioline: natürliche Feinde wie Haie trollen sich. Nur die 
menschlichen Hummerfresser wollen nicht hören, auch dann nicht, wenn 
sie den Krebs kopfüber ins kochende Wasser tauchen und seinem drei- bis 
fünfminütigen (so tierschutzonline.de) Todeskampf beiwohnen, bei dem er 
angeblich in den höchsten Tönen (zu hoch für uns) schreit. 

Dass Hummer kochende Hitze schlechter vertragen als ein Eisbad, weiß 
man nun. Auch das Rätsel, warum der Hummer rot wird, wenn man ihn in 
den Topf wirft, konnten Wissenschaftler lösen (vgl. Das ist ja der 
Hummer! [6]): Das Lobster-Geheimnis verbirgt sich in dem Protein 
Beta-Crustacyanin (Crusta wie Kruste, kann man sich gut merken). 
Bläulich-schwarz ist das Krustentier, weil sich das Beta-Crustacyanin 
mit dem Molekül Astaxanthin aus der Gruppe der Carotenoiden verbindet 
und das ursprünglich orangenfarbene Astaxanthin durch die Bindung seine 
Lichtabsorption verändert. Leuchtend rot wird der Meeresbewohner erst, 
wenn sich die Struktur des Beta-Crustacyanin durch die Hitze verändert 
und das Astaxanthin dadurch nicht mehr andocken kann. Das 
"weggedrückte" Orange-rot kommt mit dem frei gewordenen Molekül wieder 
zum Vorschein. Aber nicht das geringste Lebenszeichen.... 

Links 

[1] 
http://www.archive.org/movies/details-db.php?collection=feature_films&co
llectionid=night_of_the_living_dead
 
[2] http://www.cryonics.de/frameset.htm 
[3] 
http://www.sfgate.com/cgi-bin/article.cgi?file=/gate/archive/2004/03/18/
frozenlobster.DTL
 
[4] http://www.trufresh.com 
[5] http://www.bostonseafood.com 
[6] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/lis/13008/1.html 

Telepolis Artikel-URL: 
http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/co/17052/1.html

 

ECOP-marine HOME