21.6.2004
Einfach köstlich, dieser Kardinal!
Wissenschaftler suchen nach neuen Speisefischen



Epigonus telescopus könnte bald die Küchen erobern.

Umwelt. - EU-Politiker sorgen sich um die Ernährung ihrer Bürger. Doch dabei geht es nicht einmal mehr um hormonbelastetes Schweinefleisch oder neue Giftskandale. Vielmehr essen Europäer zu selten gesunden Fisch, befanden Brüsseler Experten. Andererseits sind die Folgen der Überfischung bereits unübersehbar. Daher machten sich irische Forscher auf die Suche nach neuen, genießbaren Fischarten. Fündig wurden sie in der Tiefsee.

Sagt Ihnen Blauer Leng, Schwarze Säbel-Scheide oder Stubsnäsiger Grenadierfisch etwas? Vermutlich nicht, aber dennoch könnten diese oder andere Fischarten schon bald den Speisezettel bereichern, meint jedenfalls Ronan Gormley vom Nationalen Lebensmittel-Forschungszentrum im irischen Dublin: "Einerseits sind die Bestände populärer Speisefische stark zurückgegangen und sie unterliegen strikten Fangquoten. Auf der anderen Seite gehört Fisch aber zu einer gesunden Ernährung dazu. Wir sollten eigentlich mehr davon essen." Sein Fazit: neue Speisefische müssen her. In der Tiefe des Nordatlantiks wurden die Iren dabei fündig. 20 verschiedene Kandidaten zogen die Forscher aus dem Wasser, darunter Arten, die bereits als Beifang gefischt, aber nicht verwertet werden, sowie völlig fremde Sorten aus der Tiefsee.

Dabei haben die unbekannten Anwärter auf kulinarische Weihen durchaus Chancen, bei den Chefs de Cuisine und ihren Helfern gut anzukommen. "Ich würde sagen, mindestens zehn Testkandidaten haben die Geschmacks- und Filetier-Probe bestanden. Darunter sind ganz köstliche, schon bekannte Speisefische wie Kaiserbarsch. Diese Tiefsee-Art wird auf der Südhalbkugel sehr geschätzt." Doch auch echte Nobodies haben das Zeug zum Star gesunder Menues, betont der irische Lebensmittel-Technologe Gormley. Sein Favorit ist Epigonus telescopus - der so genannte Teleskop-Kardinalfisch - der erst während der Forschungsfahrt entdeckt worden war. "Er schmeckt in etwa wie Dorsch. Sein Fettgehalt ist sogar etwas höher. Offenbar ist er auch häufiger als andere, bisher kaum oder gar nicht befischte Arten." Doch der Kardinal mundet nicht nur gut, er lässt sich leicht verarbeiten, tiefgefrieren und bestens in Fertiggerichten verwenden, befanden die Experten. In spätestens fünf Jahren, schätzt Ronan Gormley, werde der Neuling auf vielen Speiseplänen etabliert sein.

Im Gegensatz zu anderen Nutzfischarten in der Geschichte soll bei Kardinal und Co. möglichst genau ermittelt werden, wie groß die Bestände sind, um so Überfischung von vornherein zu vermeiden und nötigenfalls auf ihren Fang zu verzichten, betont Christian Patermann, der für Ernährung zuständige Direktor im Forschungsdirektorat der EU-Kommission: "Das muss alles sehr sorgfältig abgewogen werden, auch im Hinblick dann auf unsere Umwelt. Letztlich ist das ein Problem der vernünftig gehandhabten Nachhaltigkeit." Ein negatives Beispiel demonstrierten neuseeländische und australische Fischer. Nachdem sie vor bereits 20 Jahren Kaiserbarsch als lohnenden Speisefisch ausmachten, sind inzwischen seine Bestände in der Tiefsee stark dezimiert und stellenweise völlig verschwunden. Solche Fehler dürften sich nicht wiederholen, mahnt EU-Ernährungsdirektor Patermann. So lange aber diese Gefahr gemieden werde und die Bestände die Befischung verkrafteten, sei die Suche nach neuen Speisefischen durchaus legitim.

[Quelle: Volker Mrasek]

 

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